Geothermie: Es war 5 vor 12!

Für eine erfolgreiche Energiewende ist das gigantische geothermische Potenzial unverzichtbar. Die Ziele des Bundes lassen sich allerdings nur erreichen, wenn Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ohne Wenn und Aber an der Geothermie festhalten. Noch bestehen zahlreiche Hindernisse zur uneingeschränkten Nutzung der Erdwärme. Wettbewerb und Kooperation werden gleichermassen zu deren Überwindung beitragen – vorausgesetzt, wir handeln entschlossen.

Die Energiestrategie des Bundes zeugt von Kompromiss, von Aufbruch. Trotz deren Symbolhaftigkeit sei gewarnt: Noch ist wenig erreicht. Stattdessen verführen die bisherigen Fortschritte bei Sonnenund Windenergie zum Irrglauben, die Lösungen seien gefunden. Dabei geht vergessen, dass es für eine erfolgreiche Energiewende viele verschiedene Energieformen und weitergehende Massnahmen braucht.

Eine Alternative hiesse «Stromverzicht». Doch erscheint mir dies der falsche Weg. Denn die Elektrifizierung schuf die Grundlagen unseres Wohlstands. Ob bei der Arbeit, im Haushalt oder in der Freizeit – es gibt kaum eine Tätigkeit, die heute nicht von Strom abhängig wäre. Selbstverständlich leistet die Stromeffizienz einen wertvollen Beitrag, trotzdem wird der Stromverbrauch wohl eher zunehmen. Dieser Bedarf muss zwingend aus nichtfossilen Energien gedeckt werden.

KEINE ENERGIEWENDE OHNE GEOTHERMIE

Einen substanziellen Beitrag für den dereinstigen Ersatz unserer Kernkraftwerke kann die Erdwärmenutzung leisten. Folgerichtig sieht der Bund in seiner Energiestrategie für 2050 eine geothermische Stromproduktion von 4,4 Twh vor. Das entspricht einem alten Kernkraftwerk oder 100 bis 200 geothermischen Anlagen, wie sie heute realisierbar wären. Die Geothermie kann jedoch diesen Beitrag weder heute noch morgen leisten. Zu vielfältig sind die bestehenden Herausforderungen. Daher ist die Frage berechtigt, ob die Ziele des Bundes nicht zu ambitioniert sind. Das hängt nun von uns allen ab. Für viele Erschwernisse auf dem Weg hin zum Durchbruch der Geothermie existieren vielversprechende Lösungsansätze. Die Projektkosten werden sinken, die Bohrtiefe wird zunehmen und die Erdbebengefahr wird kontrollierbarer. Daraus entstehen aus meiner Sicht drei Handlungsfelder: Forschung im Labor, Weiterentwicklung auf dem Feld und Lerneffekte, die sich nur dank konkreten Pionierprojekten erzielen lassen. Das setzt einen festen Willen und Beharrlichkeit darin voraus, die Erdwärme zu nutzen.

ES FEHLT AN ENTSCHLOSSENHEIT

Geothermie ist negativ besetzt, wird geradezu stigmatisiert, verdrängt und totgeschwiegen. Viele wenden sich nach den Ereignissen in Basel, St. Gallen und Triemli von dieser Energieart ab. Nach drei Fehlversuchen verlässt uns der Mut – ungeachtet der projektbezogenen Fakten, der erzielten Lerneffekte und des bestehenden geothermischen Potenzials.

Letzteres scheint noch zu wenig bekannt zu sein. Das Wärmevorkommen in 5 bis 10 km Tiefe ist rund um den Globus gleichermassen vorhanden und praktisch unerschöpflich. Ein Gesteinswürfel von 10 km Seitenlänge in 7 km Tiefe umfasst so viel Energie, wie die Weltbevölkerung im Jahr verbraucht. Solche Würfel unter der Erdoberfläche gibt es millionenfach. 99 Prozent des Erdinnern sind heisser als 1000 Grad Celsius.

Die Vernachlässigung dieses riesigen und noch immer stiefmütterlich behandelten geothermischen Potenzials ist angesichts des voranschreitenden Klimawandels geradezu fahrlässig. Auch an der Zukunft der Geothermie wird sich weisen, ob sich die Energiestrategie eher als Lippenbekenntnis oder als Beginn einer tatsächlichen Wende herausstellen wird.

MIT WETTBEWERB UND KOOPERATION ZUM DURCHBRUCH

Die sogenannte ultratiefe Geothermie beabsichtigt, das unermessliche Potenzial in einer Tiefe von 5 bis 10 Kilometern zugänglich zu machen. Bei bestehenden mechanischen Bohrverfahren steigen die Bohrkosten mit der Tiefe exponenziell an. Auf diese Weise kann die Stromproduktion mittels Geothermie nicht wirtschaftlich, geschweige denn billiger als fossil oder nuklear produzierter Strom sein. Bereits der Steinzeitmensch bohrte die Löcher für seine Steinäxte mit dem mechanischen Bohrverfahren. Es stehen verschiedene Ansätze zur Diskussion, die zu ultratiefen Bohrungen befähigen und günstiger sein sollen als heute. Die Schweizer Forschung gehört diesbezüglich zur Weltspitze und hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte erzielt.

Die Dringlichkeit der Entwicklung einer Technologie für kostengünstige ultratiefe Bohrungen wurde von Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft erkannt. Sie haben sich zusammengefunden und Geothermie – die Energie mit Zukunft! beschlossen, die «Alliance for GeoPower» (AGP) zu gründen. Diese will die verheissungsvollsten Ansätze für eine neue Bohrtechnologie prüfen und eine davon weiterentwickeln. Die Organisation und Durchführung der Evaluation soll in einer eigens dafür geschaffenen Forschungsanlage geschehen, möglicherweise in der Schweiz. Als weiterer Musterfall einer erfolgreichen Kooperation gilt die Geo-Energie Suisse AG; eine Gesellschaft mehrerer Schweizer Energieversorgungsunternehmen, welche mehrere Pilotprojekte gestartet hat und die bestehenden Herausforderungen bei der Realisation eines Projekts gezielt angeht. Ohne solche Kooperationen dürfte es die Geothermie schwer haben.

Nicht zuletzt braucht es aber auch den Rückhalt in der Bevölkerung. Der Verein Geothermische Kraftwerke Aargau leistet einen Beitrag zu dessen Stärkung, indem er laufend über die vielseitigen Aspekte der geothermischen Nutzung informiert. Denn wer einmal erkannt hat, welche Chancen die Geothermie der Menschheit bietet, der handelt entschlossen und unterstützt die Geothermie.

vgka.ch

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Autor

Matthias Jauslin

Präsident Verein Geothermische Kraftwerke Aargau, Nationalrat, Wohlen

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