Von Kosten und Nutzen im Gesundheitswesen – am Beispiel des Aargaus

Gemessen am BIP haben sich die Gesundheitsausgaben von ursprünglich rund 5 % anfangs der 1960er-Jahre auf 11,9 % im Jahr 2015 erhöht. Das überproportionale Wachstum der Gesundheitsausgaben war dabei erstaunlich stabil. Kein Wunder liegen die Diskussionen beim Gesundheitswesen seit längerem auf der Kostenseite. Vergessen geht dabei allzu oft der volkswirtschaftliche Nutzen unserer exzellenten Gesundheitsversorgung.

Nimmt man die Lebenserwartung als Massstab für die Güte des Gesundheitswesens, dann ist der Nutzen evident: Seit 1900 hat sich die Lebenserwartung in der Schweiz fast verdoppelt. Eine besondere Bedeutung kommt hierbei dem medizin-technologischen Fortschritt zu, der dazu geführt hat, dass viele Operationen heute deutlich patientenschonender durchgeführt werden können als früher.

Daneben sind die Spitäler vor allem  auch ein bedeutender volkswirtschaftlicher Faktor. Die Kosten des Gesundheitswesens belaufen sich auf 11,9 %, die Wertschöpfung auf 5,5% des Bruttoinlandproduktes (2015). Es ist somit eine der grössten Branchen der Schweizer Wirtschaft. Der Anteil der Beschäftigten betrug fast 12 %.

Umgerechnet auf den Aargau macht das ein Total von mehr als 42’000 Beschäftigen für das aargauische Gesundheitswesen. Fokussieren wir auf die stationären Einrichtungen, die in der Vereinigung Aargauische Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen (VAKA) organisiert sind (das sind rund 115 Institutionen), vereinigen diese gut 16’274 Vollzeitäquivalente (6,5% aller im Kanton Beschäftigten, Lohnsumme ca. 1.1 Mia. Fr.) und rund 8’700 Betten.

GROSSKUNDEN DES GEWERBES, ARBEITGEBER UND AUSBILDUNGSPLATZ

Die stationären Einrichtungen des Gesundheitswesens sind mit einer Lohnsumme von gut über einer Milliarde Franken und über 16’000 Mitarbeitenden nicht nur einer der grössten Arbeitgeber im Kanton Aargau. Auch als Investoren und Einkäufer beanspruchen sie eine markante Position. So erzeugen die Häuser nach Schätzungen des Kantons mit ihren Investitionen im Jahr 2010 eine direkte und indirekte Nachfrage von rund 1.7 bis 2.2 Mia. Franken. Dazu müssen die grossen Gebäudekomplexe stetig unterhalten, medizinische Geräte und Computer gewartet und neue
installiert, Wäsche gewaschen, Räumlichkeiten gereinigt und Laboranalysen transportiert werden. Spitäler kaufen massenweise Güter des täglichen Lebens ein und sind Grossverbraucher von Energie, insbesondere Elektrizität. Zu dem profitieren auch Floristen, Papeterien, Getränkelieferanten und viele weitere Kleinunternehmen von den Spitälern.

GUTE NOTEN FÜR DEN AARGAU IM INTERKANTONALEN VERGLEICH

Im interkantonalen Vergleich nimmt das aargauische Gesundheitswesen einen Spitzenplatz ein. Gründe sind die moderne Organisation, die hohe Autonomie der Spitäler und der im Vergleich zu anderen Kantonen intensive Wettbewerb zwischen den Akteuren. Entsprechend vielfältig ist das Angebot an öffentlichen und privaten Spitälern, entsprechend ist auch der Wandel evident – die Veränderungen bei den Häusern Zofingen, Laufenburg und Menziken zeigen das einleuchtend.

Der Fakt, dass die Kantone gleichzeitig Betreiber von Leistungserbringern, Tarifsetzer sowie Regulator sind, behindert hingegen den Wettbewerb. Die Folge sind Ineffizienzen zu Lasten der Prämienund Steuerzahler. Entsprechend ist eine weitere Rollenentflechtung angezeigt. Es braucht eine noch striktere Restriktion der Kantone auf die Definition der Leistungsaufträge, die Beseitigung verdeckter Subventionen und die Abschaffung von Monopolen. Stringent wären diese Vorhaben aber erst dann realisierbar, wenn der Kanton sein Eigentum an den kantonalen
Spital-Aktiengesellschaften reduzieren oder ganz veräussern würde.

WANDEL UND ERFOLG IM WETTBEWERB BEDINGEN UNTERNEHMERTUM UND KOOPERATION

Während die Gesamtausgaben im Jahr 1995 schweizweit noch 36 Mrd. Fr. betrugen, stiegen sie bis ins Jahr 2016 bereits auf 80 Mrd. Fr. an, was einem durchschnittlichen nominalen Wachstum von 3,9% pro Jahr entspricht6. Welche Wege im Spitalwesen gefunden werden, um den Kostendruck zu mildern, ohne die Qualität der Versorgung zu gefährden, ist Gegenstand epischer Diskussionen. Mit klug angelegter «Integrierter Versorgung» lassen sich unnötige Kosten einsparen, aber auch unnötige Behandlungen und Komplikationen vermeiden und die Gesundheitsversorgung qualitativ verbessern. Wer aber im Gesundheitswesen im grossen Stil Kostenzuwächse abbremsen will, muss beim Bundesgesetzgeber ansetzen. Hauptansatzpunkt ist das KVG. Massiv einschenken würden:
• eine Reduktion des Leistungskatalogs im Bereich der OKP
• die Einführung von mehr Selbstbeteiligung der «Konsumenten» von Gesundheitsdienstleistungen
• eine Abschaffung oder doch starke Lockerung des Vertragszwanges
• der Übergang zum Monismus, d.h. ambulante und stationäre Gesundheitsdienstleistungen werden partnerschaftlich zwischen Kantonen und Kassen gleichermassen finanziert.

Wer sich rechtzeitig darauf einstellt, den Wandel aktiv mitgestaltet, dabei seine Betriebsökonomie im Griff hat, der wird erfolgreich sein. Und die Spitäler wollen zurecht erfolgreich sein: Als Gesundheitsversorger, als Arbeitgeber und als Wirtschaftsfaktor.

 

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Autor

Dr. Daniel Heller

Geschäftsführer von Freiheit + Verantwortung, ehem. Grossrat FDP, Erlinsbach

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