Geduld, Fussballbildchen und Altersvorsorge

Als Kind liebte ich Fussball-Europa- und -Weltmeisterschaften. Nicht nur wegen der Spiele, sondern vor allem auch wegen der Paninikleber, die man eifrig sammelte. Die grösste Sorge war, dass man nicht als einer der Ersten das Tschutti-Album vollkriegt. Dabei hat es sich oft gelohnt, geduldig zu sein. Denn nicht jeder Tauschhandel, der einem auf dem Pausenplatz angeboten wurde, war ein guter.

Geduld lohnt sich auch in diesen Tagen: Wenn Bundesrat Alain Berset den Jungen droht, ohne eine Zustimmung zu seiner Rentenreform gäbe es in Zukunft keine AHV mehr, lohnt es sich, während einer ruhigen Minute in sich zu gehen. Der Bundesrat droht mit dem Aus der AHV? Ich dachte immer, der Bundesrat ist in jeder Situation dafür verantwortlich, das Beste für Land und Leute zu erreichen.

Worum geht es? Wir werden immer älter und in den kommenden Jahren gehen immer mehr Menschen in Pension. Diesen Umstand verdanken wir vor allem dem medizinischen Fortschritt in der westlichen Welt. Die Herausforderung ist nun aber, dass weniger Junge im Arbeitsmarkt nachrücken, um diese Lücke zu füllen. Deshalb fehlt Geld in der AHV.

Die Altersvorsorge 2020, über die wir am 24. September 2017 abstimmen, will unser Vorsorgesystem reformieren. Neben dem gleichen Rentenalter für Mann und Frau und einem tieferen Umwandlungssatz in der zweiten Säule enthält sie eine brisante Änderung, wegen der wir die Reform bekämpfen. Konkret: Das Gesetz sieht einen Ausbau der monatlichen AHV-Rente (nur für «Neurentner») um 70 Franken vor. Das hört sich nach wenig an, doch der Eindruck täuscht: Der AHV-Ausbau kostet uns pro Jahr 1390 Millionen Franken.

Obwohl sich die Schweizer Stimmbevölkerung vor einem Jahr bei der AHVplus-Initiative gegen einen Ausbau der defizitären AHV ausgesprochen hat, kommt nun eine abgespeckte Ausbauvorlage zur Abstimmung. Das ist gefährlich, denn es fehlt uns an Geld, um diesen Ausbau zu finanzieren.

«Nach mir die Sintflut!» könnte das Motto der Befürworter heissen. Denn trotz oder gerade wegen der Reform würde das Umlageergebnis der AHV (Einnahmen minus Ausgaben) bereits im Jahr 2027 wieder negativ sein. Man bastelt also fast ein Jahrzehnt lang an einer Vorlage, die nach Inkrafttreten nur für wenige Jahre die finanziellen Sorgen vertreibt. Umgangssprachlich würde man das «Rentenmurks » nennen.

So weit, so besorgniserregend. Schaut man weiter in die Zukunft, zeigen die Zahlen des Bundesamts für Sozialversicherungen, dass die AHV in knapp 20 Jahren 12 Milliarden Franken Verlust schreiben würde. Das ist unverantwortlich gegenüber den kommenden Generationen. Denn vom Rentenausbau profitieren nur wenige, die bald in Pension gehen. Alle anderen, und dabei vor allem die Jungen, haben dies zu finanzieren. Doch wie?

Selbst dem Bund fehlen mit der Altersvorsorge 2020 neu jährlich 700 Millionen Franken, weil er sich mehr an den Ausgaben beteiligt. Auf die Frage, wo denn das Geld eingespart werden soll, wusste der zuständige Bundesrat an der Pressekonferenz keine Antwort. Und die Einsparungen, welche dank der Erhöhung des Rentenalters für Frauen erzielt werden, werden durch den Ausbau der AHV wettgemacht.

Unter dem Strich gibt es fast nur Verlierer. Wir haben gemäss Zahlen des Bundesamts für Sozialversicherungen noch 12 Jahre Zeit, um eine ausgewogene Reform zu beschliessen, welche die Lasten auf allen Schultern verteilt. Wer sein Leben lang hart arbeitet, soll einen verdienten Ruhestand haben. Die Chance auf eine sichere Rente darf uns Jungen aber nicht genommen werden. Und dies wäre bei dieser Reform der Fall, denn sie schafft ein Finanzloch, das nicht einfach zu füllen ist.

Mit einem Nein haben wir die Möglichkeit, eine Reform auszuarbeiten, die fair, nachhaltig und finanzierbar ist. Und wir würden sicherstellen, dass die grösste Sorge des Jungen auf dem Pausenhof bei den kommenden Weltmeisterschaften weiterhin das Tschutti-Heftli bleibt und nicht die verfehlte Rentenpolitik.

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Autor

Andri Silberschmidt

Präsident Jungfreisinnige Schweiz, Zürich

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